Kaum ein Programmpunkt der Einschiffung sorgt bei Erstkreuzfahrern für so viel Unsicherheit wie die „Musterung" – die Pflicht-Sicherheitsübung, die auf jedem Kreuzfahrtschiff vor dem Ablegen stattfindet. Dabei ist der Ablauf denkbar einfach, sobald man weiß, was einen erwartet. Dieser Ratgeber erklärt Schritt für Schritt, was bei der Musterung passiert, warum sie gesetzlich vorgeschrieben ist und was droht, wenn man sie verpasst.
Was ist die Musterung überhaupt?
Der Begriff „Musterung" stammt aus der Seefahrt und bezeichnet ursprünglich das Antreten der Besatzung zur Kontrolle. Auf Kreuzfahrtschiffen ist damit die Sicherheitsübung für Passagiere gemeint, bei der jeder Gast einmal pro Reise lernt, wie er sich im Notfall zu verhalten hat: Wohin muss ich gehen? Wo ist meine Rettungsweste? Wer sagt mir, was zu tun ist? Die englische Bezeichnung lautet „Muster Drill" oder „Safety Drill", auf manchen Schiffen auch „Assembly Drill".
Warum die Musterung Pflicht ist
Die Sicherheitsübung ist keine Kulanzleistung der Reederei, sondern international durch das SOLAS-Abkommen (Safety of Life at Sea) der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) vorgeschrieben. Seit einer Verschärfung der Regeln muss die Übung inzwischen vor dem Ablegen durchgeführt werden – früher war eine Frist von 24 Stunden nach Abfahrt üblich, nach mehreren Unglücksfällen wurde die Vorschrift aber verschärft. Das gilt für jeden Passagier auf jeder Kreuzfahrt, unabhängig davon, wie oft man schon mitgefahren ist oder wie kurz die Reise ist.
Der Ablauf Schritt für Schritt
- Ankündigung: Kurz vor der Übung informiert eine Durchsage über Lautsprecher im gesamten Schiff sowie meist zusätzlich über die Bordkarte, die Kabinen-TV-Anzeige oder die Reederei-App über Beginn und Ablauf.
- Zur Kabine oder direkt zur Station: Je nach Reederei wird entweder die Rettungsweste aus dem Kabinenschrank mitgenommen (ältere Verfahren) oder es genügt die Bordkarte, während die Rettungswesten-Handhabung nur demonstriert wird (modernere „e-muster"-Verfahren ohne Weste).
- Weg zur Sammelstation: Jede Kabine ist einer festen Sammelstation (Muster Station) zugeordnet, die auf der Rückseite der Bordkarte, an der Kabinentür oder in der App vermerkt ist. Beschilderungen mit Symbolen weisen im gesamten Schiff den Weg dorthin.
- Check-in an der Station: Ein Crew-Mitglied scannt die Bordkarte oder hakt die Kabinennummer auf einer Liste ab – so wird kontrolliert, dass wirklich alle Passagiere teilgenommen haben.
- Sicherheitsdemonstration: Es folgt eine kurze Ansage oder ein Video zu Fluchtwegen, dem richtigen Anlegen der Rettungsweste, dem Verhalten bei Alarmsignalen und dem Ablauf im Ernstfall.
- Ende der Übung: Nach 15–20 Minuten ist die Musterung beendet, und die Passagiere kehren zu ihrem Programm zurück – meist pünktlich rechtzeitig zum Ablegen und der Sail-Away-Party an Deck.
Digitale Musterung: Der neue Standard
Viele große Reedereien haben in den letzten Jahren auf ein digitales Musterverfahren umgestellt: Statt sich an einer festen Sammelstation zu versammeln, schaut man sich ein Sicherheitsvideo auf dem Kabinen-TV, der Reederei-App oder einem Terminal im Schiff an und bestätigt anschließend die Teilnahme per Scan der Bordkarte an einer beliebigen Kontrollstation. Der Vorteil: keine Wartezeit in großen Menschentrauben, dafür bleibt die eigentliche Sammelstation im Ernstfall trotzdem verpflichtend zu kennen – sie steht weiterhin auf der Bordkarte.
Was passiert, wenn man die Musterung verpasst?
Wer die Ankündigung überhört oder bewusst fernbleibt, wird von der Crew aktiv gesucht – per Kabinenanruf, Durchsage mit Namensnennung oder persönlichem Aufsuchen der Kabine. Ohne bestätigte Teilnahme wird auf vielen Schiffen das Ablegen verzögert, da die Kapitänin oder der Kapitän die vollständige Teilnahme aller Passagiere bestätigen muss, bevor das Schiff den Hafen verlassen darf. In der Praxis bedeutet das: Alle anderen Passagiere warten, bis die fehlende Person gefunden und nachgemustert wurde – ein Grund, warum Crew und andere Gäste bei Verspätungen wenig Verständnis zeigen. Wiederholtes bewusstes Fernbleiben kann in seltenen Fällen sogar zur Ausschiffung führen.
Rettungsweste: Mitbringen oder nicht?
Bei klassischen Musterungen mit fester Sammelstation wird häufig verlangt, die orangefarbene Rettungsweste aus dem Kabinenschrank zur Übung mitzubringen und korrekt anzulegen – das Personal zeigt und kontrolliert den Handgriff. Bei digitalen Verfahren entfällt das Mitbringen meist komplett, die Handhabung wird nur im Video gezeigt. Ein Blick in die Reederei-Information vor der Reise oder die Durchsage am Einschiffungstag klärt, welches Verfahren an Bord gilt.
Gilt die Musterung auch bei Zubringer- oder kurzen Kreuzfahrten?
Ja – die SOLAS-Vorschrift gilt unabhängig von Reisedauer oder Streckenlänge. Auch bei einer zweitägigen Kurzreise oder einer reinen Nachtfahrt zwischen zwei Häfen findet die Musterung wie gewohnt vor dem ersten Ablegen statt. Bei Kreuzfahrten mit mehreren Teilstrecken (z. B. Ein- und Ausschiffung an unterschiedlichen Häfen derselben Reise) reicht in der Regel eine Musterung für alle durchgehend mitreisenden Passagiere; wer unterwegs neu zusteigt, nimmt an einer separaten Übung teil.
Praktische Tipps für die Musterung
- Bordkarte griffbereit halten: Sie wird für den Check-in an der Sammelstation benötigt.
- Bequeme Schuhe tragen: Je nach Schiffsgröße kann der Weg zur Sammelstation mehrere Minuten dauern.
- Pünktlich zur Ankündigung erscheinen: Wer sofort reagiert, vermeidet Gedränge und lange Wartezeiten an der Station.
- Kinder und Personen mit Mobilitätseinschränkungen vorab anmelden: Die Crew richtet für Rollstuhlfahrer oder Familien mit Kleinkindern oft gesonderte Abläufe ein – ein kurzer Hinweis an der Rezeption am Einschiffungstag hilft.
- Nicht verstecken oder ignorieren: Da die Übung ohnehin protokolliert wird, spart Teilnahme allen Beteiligten Zeit und Ärger.
Fazit
Die Musterung ist eine kurze, international vorgeschriebene Pflichtübung, die auf jeder Kreuzfahrt vor dem Ablegen stattfindet – meist dauert sie nicht mehr als 15–20 Minuten und ist mit etwas Vorbereitung schnell erledigt. Wer Bordkarte und Sammelstation kennt, pünktlich erscheint und der Ansage folgt, hat den einzigen echten Pflichttermin des Einschiffungstages im Handumdrehen hinter sich. Wie der restliche Einschiffungstag abläuft, zeigt der Ratgeber Der erste Tag an Bord; was sonst noch ins Handgepäck für diesen Tag gehört, verrät die Kreuzfahrt-Packliste.
